Informatives

Zu Beginn ein paar unangenehme Wahrheiten:
Sexuelle Gewalt gegen Kinder gilt immer noch als Ausnahmeerscheinung, als Randphänomen. Tatsächlich aber ist das Gegenteil der Fall. Durchschnittlich 140.000 Fälle deckt die Polizei in Deutschland in jedem Jahr auf. Hinter dieser Zahl verbirgt sich jedoch nur das Hellfeld, das Dunkelfeld wurde bisher als etwa 20 Mal so hoch vermutet. Untersuchungen der Universität Ulm unter Leitung von Prof. Jörg Fegert deuten darauf hin, dass sogar bis zu einer Million Kinder in Deutschland jährlich von sexueller Gewalt betroffen sein könnten – von einem Randphänomen kann deshalb keine Rede sein. Es ist dringend notwendig, dass diese Tatsache, so schwer sie auch zu begreifen ist, verinnerlicht und mit größter Aufmerksamkeit angegangen wird. Ursachen von Gewalt ist für uns alle schwer zu begreifen, insbesondere dann, wenn sie gegen Kinder gerichtet ist. Die Ursachen von Gewalt sind so vielfältig wie die Menschen selbst.

Sexuelle Gewalt: In diesen Fällen handeln, wie vielfach missverstanden, Täterinnen und Täter nicht aus einem sexuellen Notstand heraus. Auch sind nicht alle Täterinnen und Täter, die sexuelle Gewalt an jungen Menschen begehen, pädophil oder pädosexuell. Die Mehrheit der Täterinnen und Täter agiert auch in Fällen sexueller Gewalt aus einem Machtbedürfnis heraus, die sexuelle Gewalt ist dabei Mittel der Durchsetzung dieser Macht.
Immer wieder lassen sich auch Störungen der Persönlichkeits- oder psychosexuellen Entwicklung feststellen, wodurch die Fähigkeit der Täterinnen und Täter zu Verantwortungs- und Schuldgefühlen beeinträchtigt ist, welche Übergriffe üblicherweise verhindern soll.

Aus „Was ist bloß mit Alex los“
Sabine Marya und Pauline C. Frei. (2016 Engelsdorfer Verlag)

Die dissoziative Identitätsstörung/struktur (auch multiple Persönlichkeit genannt) ist eine Reaktion des Gehirns auf traumatische Erlebnisse (meist in sehr früher Kindheit). Dissoziation ist ein psychischer Bewältigungs- mechanismus – man kann auch von Abwehrmechanismus reden – der dazu dient, unerträgliche Gefühle, Körperempfindungen, Erinnerungen, Wahrnehmungsinhalte abzuspalten, um auf diese Weise eine Situation erträglich zu machen, d. h. überleben zu können. Dissoziation ist ein ande-
res Wort für Spaltung oder Auseinanderfallen. Die Grundlage der Abspaltung sind bedrohliche Situationen, die das Kind ohne diesen Schutzmechanismus nicht überleben würde. Aufgrund seines Alters kann es weder fliehen noch sich verteidigen, daher sucht es einen Ausweg aus der lebensbedrohlichen Lage und spaltet bzw. entwickelt unabhängige Persönlichkeiten. Das Phänomen der Dissoziation ist sicher für „Normale“ an dieser Stelle nicht nachvollziehbar, weil es einfach zu unvorstellbar
klingt, um wahr zu sein. Aber Mutter Natur ist oft schlauer als wir und macht so das Überleben möglich.


Zum Spektrum dissoziativer Symptome und Störungen
Als dissoziative Störungen bezeichnet man diejenigen psychischen Erkrankungen, bei denen die normalerweise integrierenden Funktionen des Bewusstseins nachhaltig beeinträchtigt sind. Zu diesen integrierenden Funktionen zählt
– das Gedächtnis
– die Wahrnehmung von sich und der Umwelt
– das Identitätserleben.
Alle drei Funktionen des Bewusstseins helfen, erlebte Erfahrungen in einen persönlichen Gesamtzusammenhang zu integrieren. Beispiele für dissoziative Störungen sind die dissoziative Amnesien, bei der es zu funktionellen Gedächtnisstörungen kommt oder die Depersonalisationsstörung, bei der die Wahrnehmung von sich selbst beeinträchtigt ist (10). Dissoziative Symptome, insbesondere Depersonalisation im Sinnen von „neben sich stehen, sich nicht im Kontakt mit sich fühlen“, treten bei vielen psychischen Erkrankungen auf (zum Beispiel bei akuten Belastungsreaktionen, posttraumatischen Belastungsstörungen, Borderline-Persönlichkeitsstörungen, Angststörungen, Depressionen). Sie können aber auch den Schweregrad einer eigenständigen Störung haben und möglicherweise – insbesondere bei Therapieresistenz – auf eine DIS hinweisen.

aus Ärtzeblatt

Rituelle Gewalt
In organisierten und rituellen Gewaltstrukturen wird die systematische Anwendung schwerer sexualisierter Gewalt (in Verbindung mit körperlicher und psychischer Gewalt) an Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen durch die Zusammenarbeit mehrerer Täter und Täterinnen bzw. Täternetzwerke ermöglicht und ist häufig verbunden mit kommerzieller sexueller Ausbeutung (Zwangsprostitution, Handel mit Kindern, Kinder-/Gewaltpornografie). Dient eine Ideologie zur Begründung oder Rechtfertigung der Gewalt, wird dies als rituelle Gewaltstruktur bezeichnet.
Organisierte und rituelle Gewaltstrukturen können eine umfassende Kontrolle und Ausbeutung von Menschen durch Mind-Control-Methoden beinhalten. Die planmäßig wiederholte Anwendung schwerer Gewalt erzwingt spezifische Dissoziation bzw. eine gezielte Aufspaltung der kindlichen Persönlichkeit. Die entstehenden Persönlichkeitsanteile werden für bestimmte Zwecke trainiert und benutzt. Ziel dieser systematischen Abrichtung ist eine innere Struktur, die durch die Täter_innen jederzeit steuerbar ist und für die das Kind und später der Erwachsene im Alltag keine bewusste Erinnerung hat.

In manchen Strukturen sind Familien generationenübergreifend eingebunden. Es erfolgt eine frühkindliche Bindung an TäterInnen, Gruppe und Ideologie. Hinzu kommt ein Schweigegebot. Aussteigende werden unter Druck gesetzt, erpresst und verfolgt. Mitglieder der Gruppen (Täter) sind Männer und Frauen aller geografischen Bereiche und sozialer Herkunft, also auch Lehrer, Ärzte, Richter, Anwälte, Polizisten und auch Psychiater. Ihre Familien befinden sich oft seit Generationen im Kult. Folglich werden auch ihre Kinder dort hinein- geboren. Ihre Eltern sind anschließend an der konsequenten „Abrichtung“ ihrer Kinder für rituelle Handlungen meist beteiligt. Sie sorgen dafür, dass sie in ihrem Alltag möglichst unauffällig bleiben und meiden dazu tunlichst auch Kontakte außerhalb ihrer Gruppe. Im „Schutz“ der Familie durchleiden die Kinder häufig sexuelle Misshandlungen und Inzest. Außerhalb der Familie werden sie gerne gewinn bringend an Pädophile oder Sex-Ringe „ausgeliehen“. Die Kinder (Opfer) unterliegen durch die Täter einer systematischen Manipulation mit dem Ziel, eine innere Parallelwelt zu erschaffen, durch die sie jederzeit abrufbar und steuerbar sind und für die das Kind und später der Erwachsene keine bewusste Erinnerung hat. Die Kinder sind bei der Verarbeitung und Bewältigung der für sie potentiell lebensbedrohlichen Ereignisse überfordert. Sie werden mit Gefühlen von Hilflosigkeit, Entsetzen und intensiver (Todes)Angst überflutet. Sie können ihr Überleben im frühkindlichen Alter letztlich nur sichern, indem sie instinktiv auf einen Mechanismus zurückgreifen, den ihnen die Natur schenkt: die Dissoziation. Hierbei werden in Situationen höchster Not Gedanken, Gefühle, Handlungen oder Körperempfindungen von der aktuellen Identität abgespalten und in eine neue, zu diesem Zeitpunkt entstehende Identität gerettet. So entsteht ein weiteres Ich im vorhandenen Körper. Dieser Vorgang, diese Spaltung, kann sich bei weiteren traumatisierenden Ereignissen wiederholen

Aus „Was ist bloß mit Alex los“


Wer – vielleicht mit Beginn seines Lebens – von Menschen aus solchen Gruppen ausgebeutet wurde, ist häufig komplex traumatisiert, hoch dissoziativ, mit der Folge, dass die eigenen Erinnerungen nicht zusammenkommen. Zudem darf das Opfer niemandem etwas von dem geschehenen Grauen erzählen. Das Schweigegebot unter Androhung von schlimmsten Strafen macht das zusätzlich unmöglich. Meist besteht auch noch lange Zeit ein sehr enger Kontakt zu den Menschen, die gequält haben. Zudem wird das Opfer weiterhin vom Täterring verfolgt und bedroht. Und leider hat man auch noch zusätzlich den „Feind im Innern“: Täterintrojekte, die Ausstiegs- und Heilungsversuche boykottieren.
Durch frühkindliche Bindung an Täter, Kult und Ideologien, werden Funktionalität und Gehorsam mittels lebenslanger Konditionierung und Programmierung erzwungen. Eine methodische Abrichtung schafft Parallelwelten im Innern der Opfer, die die Täter jederzeit abrufen bzw steuern können. Die Opfer sind weiterhin manipulier- und steuerbar. Auf Grund der Dissoziation hat das Kind und später der/die Erwachsene im Alltag keine bewusste Erinnerung daran.

Für Menschen mit diesen Erfahrungen ist es besonders schwer, Schutz und angemessene Unterstützung zu erhalten. Verzweifelt suchen diese Menschen, weil sie darauf angewiesen sind, wenn sie aussteigen wollen, jemanden im Außen, der beständig und sicher hilft, der sich nicht von all dem Schlimmen vertreiben lässt oder von seiner eigenen Angst und Schrecken gelähmt wird. Was kein Wunder ist, denn es ist schwer, mit der Wucht der Gewalt, die man direkt und indirekt erlebt, umzugehen. Für alle, die mit diesem Thema arbeiten, ist Vernetzung mit anderern Helfern ganz wichtig, um tatsächlich ein beständiger, sicherer Begleiter sein zu können.

Mehr auch hier:
Expertise Fachkreis
Erwartungsstudie Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung
sexuellen Kindesmissbrauchs


Woran erkennt man eine DIS?
Die meisten Betroffenen möchten (und dürfen) nicht auffallen, zudem denken sie, sie sind abartig, anders und irgendwie falsch, diese Selbst- einschätzung entspricht auch häufig den Reaktionen des Umfeldes.
Bei einer Stichprobe von 107 DIS-Patientinnen ließen sich folgende Häufigkeiten feststellen (siehe Aufarbeitungskommission):
 Affektive Störung, meist Depression (98,1 %)
 Angststörungen, Panikstörungen (89,7 %)
 Psychotische Störungen (74,3 %)
 Substanzmissbrauch (65,4 %)
 Essstörungen (38,3 %)
Auch andere Studien kamen zu dem Ergebnis, dass bei einer Dissoziativen Identitätsstörung häufig Belastungen mit Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen, Essstörungen, sexuellen Funktionsstörungen, Suizidversuchen, Selbstverletzungen und Persönlichkeitsstörungen vorhanden sind (Damman und Overkamp, 2004).
Zusätzlich kann beispielhaft noch dazu:
 Störung von Affekten und Impulsen, inklusive Selbstverletzung
 Depression
 Fehlen der Körperwahrnehmung
 Umwandlung von Gut und Böse (und umgekehrt)
 Umwandlung von Schmerz in Freude
 Unterschiedliche Handschriften, Malstile, -techniken
 Unterschiedliche Stimmen, Gestik, Mimik
 Phobien und Amnesien
 Destruktives Verhalten


Aus „Was ist bloß mit Alex los“

Definition Dissoziative Identitätsstruktur:
Die dissoziative Identitätsstruktur (früher multiple Persönlichkeit genannt) ist eine Reaktion des Gehirns auf traumatische Erlebnisse (meist in sehr früher Kindheit). Dissoziation ist ein psychischer Bewältigungsmechanismus – man kann auch von Abwehrmechanismus reden – der dazu dient, unerträgliche Gefühle, Körper-Empfinden, Erinnerungen, Wahrnehmungsinhalte abzuspalten, um auf diese Weise eine Situation erträglich zu machen, d. h. überleben zu können. Dissoziation ist ein anderes Wort für Spaltung oder Auseinanderfallen. Die Grundlage der Abspaltung sind bedrohliche Situationen, die das Kind ohne diesen Schutzmechanismus nicht überleben würde. Aufgrund seines Alters kann es weder fliehen noch sich verteidigen, daher sucht es einen Ausweg aus der lebensbedrohlichen Lage und spaltet bzw entwickelt unabhängige Persönlichkeiten.

siehe auch hier
Erklärvideo
Täterintrojekte
Was das Opfer nicht konnte, kann der Täter – und das Täter-Introjekt • Je früher die Gewalt begann, desto mehr übernehmen Täterintrojekte die Funktionen von (Selbst-)Kontrolle und (Selbst-)Bestrafung. Folge: Innere Täter-Opfer- Reinszenierung. Bei fortgesetztem Täter-Kontakt besonders heikel. • Je früher Stoffwechsel -Manipulationen als Selbstmedikation eingesetzt werden (Hungern, Essen, Drogen, Alkohol, Selbstverletzungen etc.), desto mehr werden sie (selbst-)regulierende Bestandteile der Persönlichkeit. • Bei sekundärer und tertiärer Dissoziation übernehmen intensive Affekt- bzw. Ego-States bzw. innere „Leute“ diese Funktionen. Sie sorgen auch dafür, dass der Täterkontakt (wieder) aufgenommen bzw. aufrechterhalten wird. (M.Huber)
Rituelle Gewalt
Rituelle Gewalt ist eine schwere Form der Misshandlung von Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern. Intention ist die Traumatisierung der Opfer. Rituelle Gewalt umfasst physische, sexuelle und psychische Formen von Gewalt, die planmäßig und zielgerichtet im Rahmen von Zeremonien ausgeübt werden. Diese Zeremonien können einen ideologischen Hintergrund haben oder auch zum Zwecke der Täuschung und Einschüchterung inszeniert sein. Dabei werden Symbole, Tätigkeiten oder Rituale eingesetzt, die den Anschein von Religiosität, Magie, oder übernatürlichen Bedeutungen haben. Ziel ist es, die Opfer zu verwirren, in Angst zu versetzen, gewaltsam einzuschüchtern und mit religiösen, spirituellen oder weltanschaulich-ideologischen Glaubensvorstellungen zu indoktrinieren. Meist handelt es sich bei rituellen Gewalterfahrungen nicht um singuläre Ereignisse, sondern um Geschehnisse, die über einen längeren Zeitraum wiederholt werden (Becker/Fröhling)