handherz
Über Pauline Frei

  • Seit vielen Jahren unterstütze und begleite ich Betroffene (und deren Helfernetzwerke), die noch in krimineller, sexualisierter Gewalt gefangen sind und

  • halte zur Aufklärung und Unterstützung Workshops in z.B. Kliniken oder Beratungsstellen.

  • Ich habe mit Michaela Huber zwei Bücher veröffentlicht „Leiden hängt von der Entscheidung ab“ und „Von der Dunkelheit zum Licht“, Junfermann Verlag.

  • Und mit Sabine Marya haben ich 2018 das Buch „Was ist bloß mit Alex los“ veröffentlicht. ALEX

Als ich damals ziemlich am Anfang meines Weges war, gab es weit und breit Niemanden, der nur annähernd eine ähnliche Geschichte hatte wie ich. Und ich dachte immer, wenn ich nur eine Frau kennen würde, die es geschafft hat, dann würde ich alles, was man mir sagte eher glauben können, dann hätte alles einen Sinn…

So wurde zu meinem Sinn: wenn ich es schaffe, dann helfe ich Anderen, dann gebe ich mein Wissen weiter. Denn: es ist möglich, den Sumpf zu verlassen, es ist möglich, mit dem, was im Innern zersplittert ist zusammen zu wachsen, und es kann sehr wohl ein gutes Leben danach geben.

Was ich leisten kann ist zuhören, beruhigen, verstehen (weil ich weiß).

  • Ja, du kannst es schaffen.

  • Ja, es gibt einen Weg raus aus all dieser Gewalt und dem Dunklen.

  • Ja, nach allem Schlimmen ist ein schönes und gutes Leben mit viel Freude und Licht möglich.

  • ABER es ist ein langer mühsamer und auch steiniger Weg, der viel, viel Kraft, Mut und Durchhaltevermögen benötigt.

Was half mir auf meinem Weg und im Sein mit Helfern und Therapeuten?

  • Glauben und Wissen,

  • Sicherheit, Ehrlichkeit und Beständigkeit,

  • Regeln und Grenzen,

  • Wärme und Dasein,

  • Halten und Loslassen,

  • Altes und Neues.

Glauben und Wissen
Das Erste was ich brauchte, wonach es in mir verlangte und was die Grundvoraussetzung für das Einlassen überhaupt war, um Vertrauen aufbauen zu können, waren zwei kurze Sätze.
Der wichtigste Satz war: „Ich glaube dir.“ Das immer wieder zu hören, war für mich am Anfang überlebensnotwendig.
Der zweit wichtigste Satz war: „Ich weiß, das es ganz schlimm ist/war

Sicherheit, Ehrlichkeit und Beständigkeit
Riesig groß waren die Angst und der Schmerz, dass mein Zustand, dass wie ich mich fühlte und was oft nicht auszuhalten war, nie besser werden würde und ähnlich groß war die Furcht, dass kein Mensch, das so lange mit mir aushalten könnte bzw. mich je so lang, so sorgfältig begleiten kann.
Ich brauchte Zeit, ganz viel Zeit, bis ich nur ansatzweise glauben konnte, dass meine Begleiter sicher neben mir und bei mir waren, sich nicht von meiner Seite entfernten, egal was geschah, – weiter wie bis zur nächsten Sitzung konnte ich sowieso nicht denken und fühlen, aber ich wollte es dennoch immer wieder hören.

Regeln und Grenzen
Regeln und Grenzen halfen mir mich zu spüren, mich zu begrenzen.
Sie gaben mir einen klaren Rahmen, auf den ich mich das erste Mal in meinem Leben verlassen konnte und auch musste. Das, was man mir angeboten hatte, sagte und gab, war wahr und so gemeint wie es gesagt wurde (und ebenso zählte man auf mein Wort/unsere Worte, d.h. ich/wir mussten es irgendwie hinbekommen, dass auch unserseits die Regeln eingehalten wurden.

Wärme und Dasein
Einerseits drohte ich an meiner Haltlosigkeit zu zerbrechen und anderseits fürchtete ich mit meinem Klammern zu viel zu sein. Auch möglich, dass ich, was ich so dringend brauchte, nämlich Wärme und Dasein, aufs Spiel setzte. „Irgendwann muss man es doch leid sein und Erfolge erwarten“ befürchtete ich, und den gab es lange nicht. Und in diesem Zerrissen werden auf der einen Seite und dem Drohen, mich selbst zu verlieren auf der anderen Seite, war meine Therapeutin, die mir achtvoll begegnete, ohne mir das Gefühl zu vermitteln, ich sei ein kleines, hilfloses Kind, was ich ja all zu oft war, eine große Hilfe.

Halten und Loslassen
Auch wenn ich lange glaubte, dass Hilfe mir nicht zustand, wusste ich, wusste etwas in mir, dass es einem starken helfenden Gegengewicht bedarf, um mich aus dem Sumpf zu befreien. Halten, halten und noch mal halten, zu mir stehen und mich annehmen, das brauchte meine zerrissene Seele, wie eine trockene Pflanze in der Wüste das Wasser braucht. Und genau dieser positive, tragbare Halt sprach sich in mir rum.

Altes und Neues
Leider war es wichtig, (ich schreibe leider, weil es schmerzvoll und anstrengend war) Altes, das was passiert war und tief verletzt hatte, noch einmal anzuschauen. Wichtig war dazu der geschützte Rahmen, der sichere Ort und die gute Hilfe… Mit dem Ziel, irgendwann den Horror hinter mir zu lassen. Da gab es also den Versuch, Altes aufzuarbeiten und daneben das Ziel, mir Neues aufzubauen. Altes und Neues, beides war so wichtig.
Es wäre nicht gut gewesen, in all dem dunklen und finsteren Müll zu verharren und mich dem, was Heute genau so wahr war, nämlich Freiheit anzusteuern, zu verschließen.
Wie froh und unendlich dankbar war ich über jeden Moment, in dem ich mich von den Qualen lösen konnte.
Was für ein Luxus, mal einen halben Tag lang etwas anderes, wie Leid und Verzweiflung spüren zu dürfen oder für nur dreißig Minuten einen Ansatz von dem, was man autonomes, freies oder auch nur „normales“ Leben nennt, zu erahnen…. Wie unendlich viel war das!

Ich weiß aus meiner jahrelangen begleitenden Erfahrung, dass das Gespräch und der Kontakt mit betroffenen Frauen (die es geschafft haben), bei der Arbeit,

  •  mit den Vielen im Innern,

  • dem Lösen aus schlimmen Verstrickungen und

  • besonders in der Zeit des Durchhaltens während des Ausstiegs wichtig und hilfreich sein kann.

Natürlich ist das kein Ersatz für eine Therapie, aber es ist ein zusätzlicher Kontakt, der hilft und trägt, so höre ich immer wieder.

Viele Fragen werden mir immer wieder gestellt:

Was hat dir geholfen?
Hast du dich auch so allein gefühlt?
Wie finde ich endlich etwas Ruhe?
Ich bin nichts wert, wer soll mir da schon helfen?
Ich kann niemandem vertrauen, wieso dann den Helfern?
Woher soll ich denn die Kraft für einen Neuanfang nehmen?
Ich bin so allein! So müde und weiß nicht weiter! …

Ich versuche auf diese Fragen zu antworten!

Denn Jede/r ist es wert.
Das Leben darf besser werden.

Zweifeln und lähmende Gedanken sind Täter-gemacht: klein und wertlos sein, keine Rechte haben, kein gutes Leben zu verdienen, alles viele Male gehört. Und so lange ich das glaubte, hatten die Täter weiter Macht über mich. Das wollte ich nicht! Das hat niemand so verdient!

„Wo ist der Feind? Im Gestern! Vielleicht im Morgen?
Wo ist mein Freund? In der sicheren Veränderung! Im Jetzt!“